Quelle: http://www.wz-newsline.de

WUPPERTAL AKTUELL

Pillenprozess: Geld und das Gefühl, gebraucht zu werden

Warum verkaufte K.S. aus Wuppertal per Internet verschreibungspflichtige Medikamente an Lebensmüde? Ein Gutachten gibt mögliche Antworten.

Wuppertal. Wer jung und kontaktfreudig ist ist und gerade einen spitzenmäßigen Schulabschluss gemacht hat, dem steht eigentlich die Welt offen. Das gilt nicht für den 23  Jahre alten K.S. aus Wuppertal. Seit Mai 2006 sitzt der junge Mann, der vor rund drei Jahren am CFG sein Einser-Abi baute, in U-Haft. Seit dem 15.  Dezember muss er sich vor dem Landgericht verantworten. Gleich zu Beginn gestand er dort, per Internet verschreibungspflichtige Medikamente an Lebensmüde verkauft zu haben. Sechs Menschen starben. Was trieb K.S. dazu?
 
Er sagt, der von ihm selbst verhinderte Suizidversuch einer Freundin habe ihn in die Parallelwelt der Selbstmord-Foren im Internet geführt. Die Anklageschrift lässt eher geschäftliches Kalkül vermuten: Laut Staatsanwaltschaft verkaufte K.S. zwischen November 2004 und Mai 2005 für rund 7000  Euro mehr als 1500   Tabletten an seine Kunden.
 
Von Claqeuren umgeben
 
Gestern nun zog ein psychiatrischer Gutachter Bilanz über den Angeklagten. Fazit des Mediziners: K.S. tätigte seine Internet-Geschäfte nicht ausschließlich, um Geld zu verdienen. Es sei ihm auch darum gegangen, das Gefühl zu erleben, gebraucht zu werden. Minutiös listete der Gutachter gestern vor Gericht seine Indizienkette dafür auf.
 
Demnach habe sich der Event-Manager sowohl auf seinen Partys in Wuppertal und Düsseldorf als auch in jenen morbiden Suizid-Foren mit oberflächlichen Freunden, eher noch Claqeure, umgeben. In der Glitzerwelt seiner Feten habe er Freundschaften zu jungen Leuten gepflegt, die zu ihm aufblickten, seinen Rat suchten und schätzten, ihm unentgeltlich halfen. Seine Internet-Kontakte zu Lebensmüden waren nach Meinung des Gutachters ähnlich motiviert: Auch dort stand K.S. im Mittelpunkt, galt als Experte in Sachen Selbstmord.
 
Deshalb habe er seinen späteren Pillen-Kunden unter anderem vorgelogen, Apotheker, Mediziner oder gar selbst suizidgefährdet zu sein. Laut Gutachten brachte ihm das eben nicht nur Geld sondern auch eine gewisse oberflächliche Reputation ein.
 
Fußball, Feten und Mädchen
 
Von etwaigen depressiven Tendenzen beim Angeklagten könne keine Rede sein: „Er war kein Depressiver unter Gleichen.“ Der Gutachter verwies unter anderem darauf, dass der Event-Manager abseits seiner Internet-Geschäfte ein weltoffenes Leben mit Fußball, Feten, Mädchen und Cabrio lebte. Auf seine anders gelagerten Kunden im Internet habe er sich umsichtig und vorsichtig eingestellt, sie mit „ungutem Halbwissen“ versorgt und seine Spuren verwischt.
 
K.S. selbst nahm gestern die Ausführungen regungslos hin. Seit seinem Geständnis hat er sich nicht mehr zu den Vorwürfen geäußert.

20.01.2007
Von Andreas Spiegelhauer


Aktueller Hinweis 15.09.2006:

Diese Forum ist seit 11/2005 geschlossen, und nicht wegen "buddha" aus Wuppertal, von dem ich auch erst am 14.09.2006 durch die Presse und den Anruf eines Spiegel-Reporters -(Zeitschrift) geprüft- Kenntnis erlangt habe, obwohl er schon seit Mai/2006 in Untersuchungshaft sitzt.

Am FR Abend hatte ich Besuch von einem Kamerateam -angeblich von spiegeltv-, die sich Einlass verschafft haben, indem sie beim Nachbarn geläutet haben, und dann bei mir geklopft haben. Der Reporter muss wohl Praktikant gewesen sein, denn seine ersten Fragen waren "Durch Ihr Forum selbstmord.com sind sechs Menschen gestorben. Wie fühlen Sie sich? Können Sie noch ruhig schlafen?". Ja, ja, der Computer und das Internet sind Teufelswerkzeuge! Das Team habe ich für meine Verhältnisse sanft hinausgeschmissen. Vielleicht sieht man die Situation bald irgendwo im TV.

by Prof.@

Zitat aus: http://www.suizidprophylaxe.de/Tagungen/suizidforen.pdf (2001):
"Nach unserer Auffassung sollte eine präventive Arbeit nicht in Warnungen vor den Foren bestehen, sondern sich für die öffentliche Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Enttabuisierung des Suizids und der Suizidalität einsetzen. Nach unserer Einschätzung haben Jugendliche bereits suizidale Gedanken, wenn sie Suizidforen aufsuchen, sie bekommen sie dort nicht erst. Die Aufklärung muss sich den Fragen widmen, dass es keine Schande ist, solche Gedanken zu haben, wie man damit umgehen kann, wie man dies bei anderen erkennen kann, und wie und wo man helfen kann. Unserer Einschätzung nach ist die Nachfrage nach den Suizidforen und die aktuelle Berichterstattung darüber ein Symptom für die Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit der Suizidalität ihrer Mitglieder, jedoch nicht die Ursache der Suizidalität."


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